Tier & Mensch e.V.
Geht es den Schweinen nun besser?
45 Millionen Schweine werden jährlich in Deutschland geschlachtet und gegessen.
Viele davon werden aus Dänemark und den Niederlanden importiert, die meisten aber kommen aus unseren eigenen Tierfabriken. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche riesige Mengen an Fleisch produziert werden. Wir essen heutzutage etwa dreimal so viel Fleisch wie früher, als man noch vom „Sonntagsbraten“ sprach, ein Fleischgericht eine Ausnahme war.
Photo: E.Wendt
Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen?
Warum werden wir dazu verführt, immer mehr Fleisch und immer weniger pflanzliche Produkte zu essen? Und wissen wir denn nicht, dass wir damit nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch den Tieren und der Umwelt schaden? In den letzten 50 Jahren hat die Schweinemast infolge einer wissenschaftlich ausgeklügelten Produktionsmethode die Form und den Umfang einer Massentierhaltung angenommen, von deren Grausamkeit wir uns keine Vorstellung machen. Das führt zu extrem billigen Angeboten.
Ein artgerechtes Leben
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Ein Hausschwein ist ein sehr intelligentes, sensibles und soziales Tier - ganz ähnlich wie ein Hund. Es ist nicht im geringsten ein „Schwein", so, wie wir es manchmal als Schimpfwort gebrauchen. Es ist geradezu ein Vergnügen, Schweine zu beobachten, die artgerecht gehalten werden. Dass sie im Schlamm suhlen, dient der Hautpflege und der Abkühlung; das Wühlen mit der Schnauze in der Erde dient der Nahrungssuche (Pilze, Engerlinge, Würmer). Es sind Bestandteile ihres angeborenen Verhaltens. Denn Schweine wollen sich ständig beschäftigen, und sie brauchen Kontakt zu ihren Artgenossen. Sie wollen spielen und sich bewegen. Es ist rührend zu sehen, wie eine liebevolle Muttersau sich um ihre Ferkel kümmert. Da gibt es keinen Unterschied zu einer Hunde- oder Katzenmutter.
Wirklich arme Schweine
Eine Schweinemutter wird als reine „Gebärmaschine“ behandelt, die zweimal im Jahr künstlich besamt wird und jeweils zwölf bis fünfzehn Junge bekommt. Nach fünf Würfen ist sie derart ausgelaugt, dass sie geschlachtet werden muss. Sie darf also nur 2 ½ Jahre leben, das ist die „Nutzungsdauer“. Schon am ersten Tag schneidet man den Ferkeln die Schwänze ab, später werden auch die Eckzähne abgeschliffen. Die männlichen Tiere werden schon bald bei vollem Bewusstsein kastriert, das heißt, man schlitzt die Haut auf und reißt die Hoden heraus. Man hält sie in Kastenständen, und viel zu früh, nämlich schon nach drei Wochen, nimmt man sie der Mutter weg, denn nun geht es zur Mast.
Die Haltungsbedingungen der Mastschweine sind geradezu skandalös
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Sie müssten schon längst verboten sein, wenn man das seit Jahrzehnten gültige Tierschutzgesetz anwendete. Die Tiere hält man zumeist bei Dämmerlicht ganz eng auf Spaltenböden, durch die sie ihren Kot durchtreten müssen. Sogar die Anbindehaltung ist bis zum Jahre 2006 erlaubt. Von Beschäftigungsmöglichkeiten kann keine Rede sein. Das führt zu Verhaltungsstörungen, und in ihrer Verzweiflung bedrängen sich die Tiere gegenseitig, sie beißen sich in die Ohren und Schwänze, Beinverletzungen, Augenentzündungen, eitrige Wunden und Husten sind an der Tagesordnung. Um Infektionen vorzubeugen, werden Antibiotika ins Futter gegeben. Das ist gefährlich für Menschen, die viel Schweinfleisch essen, denn sie könnten eine Resistenz entwickeln, so dass die Medikamente im Ernstfall nicht mehr wirken. Und wenn in einem solchen Massenbetrieb eine Seuche, z.B. die Schweinepest, ausbricht, müssen bis zu 100.000 Tiere sofort getötet werden. In China ist der Virus der Vogelgrippe bereits auf Schweine übertragen worden. Kein Mensch weiß, wie das weitergeht.
Von der Folter bei den Tiertransporten und den oft regelwidrigen Schlachtungen ist schon oft berichtet worden.
Wie konnte es zu dieser Massentierquälerei kommen?
Die industrielle Tierhaltung begann nach dem Krieg. Damals hat sich keiner um Gesetze oder Richtlinien für eine artgerechte Haltung gekümmert. Und dann war es zu spät. Mit allen Mitteln verteidigten die Tierfabrikanten ihre Goldgruben. Mit immer raffinierteren Methoden wurde rationalisiert und mechanisiert. Neue Züchtungen sorgten für immer schnelleres Wachstum. Heutzutage ist ein Schwein mit 100 kg bereits nach weniger als sechs Monaten schlachtreif. Die alten Schweinerassen sind nahezu ausgestorben. Die Tiere bekommen hochwertiges eiweißhaltiges Kraftfutter, das eigentlich den hungernden Völkern der „Dritten Welt“ in der Form von Getreide als Nahrung dienen könnte. Also auch hier tun wir großes Unrecht. Zudem handelt es sich bei den aus Amerika importierten Futtermitteln zum Teil schon um genmanipulierte Pflanzen (Soja und Mais), die in Europa nicht einmal deklariert sein müssen, da sie durch den Tiermagen gehen. Seit Jahrzehnten versuchen einsichtsvolle Politiker, die Haltungsbedingungen innerhalb der EU zu verbessern. Sie führen einen fast aussichtslosen Kampf. Nur Schritt für Schritt können den Vertretern der Landwirtschaftslobby kleine Zugeständnisse abgerungen werden. Da wird um jeden Zentimeter der Standfläche gefeilscht. Das ist der Grund, warum das Fleisch immer billiger wird. „Schweinefleisch ist billiger als Hundefutter“, klagen die kleinen Bauern, die nicht mehr mithalten können und aufgeben müssen. Übrig bleiben die Großbetriebe.
Was können wir tun? Können wir überhaupt etwas tun, wenn nicht einmal die Politiker imstande sind, grundlegende Änderungen herbeizuführen? Kein Mensch kann uns zwingen, das Fleisch von gequälten Tieren zu essen, zumal das tierische Eiweiß, im Übermaß genossen, Allergien und Krankheiten hervorrufen kann. Auch gibt es Biobetriebe, die ihre Tiere artgerecht halten und nicht quälen. Die sollte man unterstützen.
Wer auf Fleisch nicht ganz verzichten möchte, sollte zum Sonntagsbraten zurückkehren. Da wäre schon viel geholfen.
E.Ulich Oktober 2004
Dieser Text ist auch als farbig bebildertes Infoblatt bei uns erhältlich.
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