Tier & Mensch e.V.

„Im Vergessen liegt die Zukunft"
von Horst Kasner
Das ist die beherrschende Grundeinstellung in unserer Zeit. Denke nicht daran, was vor uns war. Denke nicht daran, was Menschen vor uns einst gedacht, geachtet und geglaubt haben - was ihnen heilig war. Vergiss es: nicht mehr erinnern, sondern rücksichtslos nach vorne blicken. Darauf kommt es an, wenn wir weiterkommen wollen. Lass dich nicht verunsichern durch die Ewiggestrigen, die an moralische Werte erinnern wie Ehrfurcht vor dem Leben. Was zählt, ist das Geld. Für die Produzenten: Gewinne machen; ein „Schweinegeld" verdienen. Und für die Konsumenten; Kaufen, möglichst billig kaufen und mehr als man braucht. Der Mensch als Verbraucher. Marktwirtschaftlich sollen wir denken, wird uns eingehämmert, und nicht nachdenken. Alles soll Markt werden, auch die Natur. Mache dich frei von moralischen Bedenken, Das alles hat seinen Preis. Was geben wir her, was geben wir auf, wenn wir rücksichtslos auf Rendite gehen.?
Die Menschlichkeit, die Ehrfurcht vor dem Leben, Das ist ein hoher Preis; ein zu hoher Preis, denn damit geben wir unser Selbst auf. Darum sollen wir uns wieder rückbesinnen auf wesentliche Ursprungswerte unserer kulturellen, unserer religiösen Überlieferungen. Wie war das einst, wenn Menschen Fleisch verzehrten? Da war jede Mahlzeit, zu der Tiere geschlachtet wurden, eine Opfermahlzeit, ein kultischer Akt Die Gottheit wurde angerufen um Versöhnung; denn den Menschen war bewusst: Leben lebt von Leben, das auch ein Recht auf Leben hat. Darum wurden Tiere nicht bedenkenlos geschlachtet, und man genoss Fleisch in Maßen. Vieh, Geflügel, Fische waren keine Massenware; sie galten als kostbare Nahrung, die man mit Andacht genoss. Kostbare Nahrung - man ließ es sich einiges kosten, Nutztiere zu halten. Bei der Aufzucht wie auf der Weide gewährte man ihnen ein ihrer Art gemäßes würdiges Leben, weil sie Lebewesen sind, uns Menschen verwandt.
Heute, bei industrieller Massentierhaltung, heißt es:„Tierproduktion",„Fleischproduktion". Das sind, an unserer kulturellen Tradition gemessen, barbarische Begriffe, denn Tiere werden nicht industriell erzeugt. Sie werden gezeugt und geboren, wie Menschen eben auch gezeugt und geboren werden, Vieh, das ist keine Sache; das sind lebende Wesen, denen eine ihnen entsprechende Ehrfurcht gebührt. Wer sie ihnen vorenthält entwürdigt nicht nur das Tier, sondern auch sich selbst. Es liegt eine tiefe, uralte Weisheit darin, dass in der Schöpfungsgeschichte, wie sie die Bibel erzählt, das Vieh und der Mensch am gleichen Tage erschaffen werden. Und für beide heißt es: „Und Gott segnete sie." Und das bedeutet dann: Wenn der Mensch den ihm anvertrauten Tieren, dem Vieh den Segen raubt, dann bringt er sich selbst um den Segen. Industrielle Massentierhaltung ist nicht nur des Tieres unwürdig, sondern auch des Menschen. Und das bleibt nicht ohne Folgen für ihn. Ob industrielle Massentierhaltung die Umwelt beeinträchtigt, ist umstritten. Unbestreitbar ist: Bei industrieller Massentiertierhaltung , bei der es nur noch um „Fleischproduktion“ geht, nimmt der Mensch auf Dauer Schaden. Es beginnt im Kopf: Menschen werden gedanken- und bedenkenlos. Man isst Fleisch und vergisst das Tier. Und wenn Anlagen dieser Art, wie sie für diesen Ort geplant sind, in der Landschaft stehen, dann hält man das für normal. Ist doch genehmigt. Was den Tieren, die in sogenannten Modulen ihr Dasein fristen müssen, angetan wird, wird vergessen, Man hält eine solche Anlage für normal. Dann geht es weiter: Das Mitgefühl, das Mitempfinden für die gequälte Mitkreatur geht verloren. Den Tieren werden doch Leiden zugefügt: Auf zwei Quadratmetern muss ein Schwein, ohne je das Licht der Sonne erblickt und natürliche Luft geatmet zu haben, für die „Fleischproduktion" dahinvegetieren.
Und schließlich: Industrielles Fleisch ist ein anderes Fleisch als Naturfleisch, Das ist veterinär-wissenschaftlich längst nachgewiesen. Es ist von minderer Qualität und der Gesundheit des Menschen weniger zuträglich. Darum sollten wir weniger, aber gehaltvolleres Fleisch essen. Das kostet mehr, aber gibt auch mehr.
Zum Abschluss eine Voraussage: Es ist abzusehen, dass in wenigen Jahrzehnten solche Vieh - Zuchthäuser, wie hier geplant, in Deutschland nicht mehr genehmigt werden. Durch Schaden, so heißt es, wird man klug. Besser wäre es, wir würden heute schon nachdenken und den Schaden vermeiden, den auch wir durch einen menschenunwürdigen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen, dem Vieh, zwangsläufig erleiden.
Diese Rede hielt Herr Kasner (der Vater von Angela Merkel) am 8. Mai 2004, als gegen die geplante Schweinemastanstalt mit 85.000 Tieren in Haßleben demonstriert wurde.
Der Text ist noch immer aktuell, er wurde uns von Frau Heidrun Schultz zur Verfügung gestellt.
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