Tier & Mensch e.V.

 
Mama und Papa warten auf dich, kleine Schwalbe!

 

An diesem sonnigen Nachmittag Mitte Juli beobachtete ich mit dem Fernglas fasziniert den virtuosen Flug der Rauchschwalben. Die Jungen sind schon flügge, aber sie wirken noch nicht so gewand wie die Alttiere, mit denen sie in Ruf- und Sichtkontakt über den Wiesen nach Insekten jagen. Auch die langen, spießartigen Schwanzfedern sind noch nicht ausgewachsen. Beim benachbarten Bauern zogen dieses Jahr nur zwei Paare ihre Jungen groß. Vor wenigen Jahren noch waren etwa 10 Nester im Kuhstall besetzt. Schwalben kehren eigentlich immer wieder in ihren heimatlichen Stall zurück und beziehen, wenn möglich, ihr Nest vom Vorjahr. Was ist ihnen auf ihrer weiten Winterreise nach West- und Südafrika zugestoßen?

Ein Auto hält auf unserem Parkplatz. Ein Notfall holt mich aus meinen Gedanken und in die Praxis. Aus einem kleinen Pappkarton schaut mich aus großem, dunklen Auge eine Schwalbe an - passend zu meinem Gedankengang. Jacqueline und ihre Mutter haben sie hilflos und flugunfähig auf ihrem Hof gefunden. Ich untersuche sie: Der lange spitze Gabelschwanz hat noch nicht die volle Länge, auch glänzt das Gefieder nicht so farbenprächtig wie bei den Altvögeln. Es ist eine junge Rauchschwalbe. Die Flügel sind unverletzt, der Ernährungszustand gut, wie ich an den Muskeln am Brustbein fühlen kann. Aber das linke Auge bekommt der kleine Patient kaum auf: Das Unterlid ist durch einen Bluterguss zu stark geschwollen.

Nimmt sie Nahrung an? Nein, der kleine Schnabel bleibt fest zu, als wir ihr eine mühsam gefangene Fliege anbieten. Aber Wasser, mit dem wir ihr mittels einer Pipette tröpfchenweise den Schnabel benetzen, trinkt sie dankbar.

„Vermutlich ist sie gegen ein Fenster geflogen und hat eine Gehirnerschütterung. Sie braucht Ruhe, und eventuell kann sie morgen wieder fliegen", sage ich. „Sollen wir sie in einen Vogelkäfig setzen?", fragt Jacqueline „Nein, diese kleine Pappschachtel ist genau das Richtige. Sie darf nichts sehen, damit sie nicht Angst und Panik bekommt. Dunkel soll es sein. Bietet ihr aber heute Abend noch einmal Wasser und Nahrung an", lautet mein tierärztlicher Rat.

Bald erfahre ich, dass am nächsten Morgen die kleine Schwalbe unruhig in ihrer Schachtel war. Das Auge war nicht mehr geschwollen. Der Familienrat beschloss, ihr die Freiheit anzubieten. Zusammen gingen alle auf den Hof und Jacqueline nahm den Deckel ab. Doch die Schwalbe blieb still sitzen. Vorsichtig setzte Jacqueline sie auf ihre warme Hand und streckte sie von sich. Über den Dächern kreisten Schwalben. Als sie ihr Zwitschern hören ließen, antwortete das Jungtier mit kräftiger Stimme und breitete die Flügel aus. Pfeilschnell näherten sich nun zwei Schwalben und nahmen aufgeregt das Kind in ihre Mitte, das ihnen entgegen flog. Ganz dicht flogen die Altvögel zu ihm hin, berührten es fast, und ihr Zwitschern klang erregt, etwa als wollten sie sagen: „Ja, wo bist du denn so lange gewesen? Wird Zeit, zurück zu kommen!“

Miteinander flogen die drei davon - alles Gute, kleine Schwalbe!

Karin Ulich August 2007
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