Impressionen von der Grünen Woche 2016

 

Mitte Januar bestimmte wieder die Grüne Woche in Berlin unsere Arbeit. - dieses alljährliche grün angestrichene Potemkinsche Dorf der Agrarindustrie. Die ideellen Träger sind Christoph Minhoff,  Geschäftsführer der Deutschen Ernährungsindustrie und Ruckwied, Präsident vom Bauernverband sowie dem Verband der Agrarindustrie „Forum für moderne Landwirtschaft“, das bisher „Fördergemeinschaft für nachhaltige Landwirtschaf“ hieß.

Ruckwied, dieser Wolf im Schafspelz, der immer von „wir Bauern“ spricht, heuchelte großes Mitleid mit der Existenznot vieler Bauern. Doch obwohl sich das Höfesterben aufgrund der schwindenden Erlöse, bedingt durch weltweite Überproduktion, predigt er weiter Billigproduktion und Exportorientierung! Denn er hat nichts anderes im Sinn, als die Profite des Agrarbusiness zu sichern, also der Pharma- und Chemie, der Dünge- und Futtermittelindustrie,  der Stallbauer und Tierzuchtkonzerne. Mit dieser Strategie müssen auch bald die letzten Bauern den Hof aufgeben.

Wenn es nicht einen Lichtblick gäbe! Die schweren Mängel der Tierfabriken sind so unübersehbar ge­worden, dass die Nachfrage nach regionalen Bioprodukten aus artgerechter Tierhaltung stark an­wächst. Mit dem Resultat, dass Biohöfe im Gegensatz zu der Misere im konventionellen Bereich stabile Gewinne machten. Demzufolge stellen nach jahrelanger Stagnation auch wieder mehr Bauern auf Bio um. Dass die Politik dabei kaum. Das macht wütend und ungeduldig: Mit 130 Traktoren, müh­sam angereist von nah und fern, nahmen Bauern an der Demonstration „Wir haben es satt“ teil, unter den ca. 23 000 Teilnehmern waren Vertreter vieler Umwelt- und Tierschutz-Organisationen. Selbstverständlich verteilten wir von Tier & Mensch zahllose Handzettel und Kinderheftchen zum Tier- und Naturschutz. Nicht nur bei der Demo, sondern auch vor den Toren der Grünen Woche.

Roswitha und Fritz Glaschke mit ihrem Plakat

 

Ernst Ulich, Eberhard Matz, Helga Salehi, Benjamin Gutjahr.

 

Langweilig – trotz Plastikspielzeug (baumelt rechts oben) und ein klein bisschen Stroh in einer Raufe. Der Boden ist hart, da gibt es keine Einstreu. Die Trostlosigkeit wurde als „Tierwohl“ präsentiert.

 

Stroh ist das A und O! Bei „Neuland“-Betrieben ist es vorgeschrieben! Auch die engen Kastenstände, in die säugende Sauen in der Regel eingezwängt sind, sind bei Neuland verboten.

 

 

Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Organisation der Lebens­mit­telin­dustrie, im „Dialog“: Er erklärte mir und anderen Journalisten unter anderem, wie wichtig Zucker für mich und jeden anderen sei.    

Foto: Dr. Hilmar Tilgner

 

Bei „Gündels Kartoffelwelt“, Thüringen, fühlte ich mich bei Gündels und alten Kartoffelsorten sauwohl!

Ich lernte viel über alte Kartoffelsorten, von denen es hunderte gibt, ihren Anbau und ihre Geschichte. Ich liebe Kartoffeln und nahm einen Beutel bunt gemischter Kartoffelsorten in allen Farben mit nach Hause!  Siehe auch: http://www.guendels-kulturstall.de/

 

Texte und Fotos: K. Ulich

 

 

Die politische Antwort auf die Billigprodukt-Schwemme

 

Da stehen sie nun vor ihrem selbst verschuldeten Scher­benhaufen und galoppieren munter weiter durch den Porzellanladen: Ruckwied, Oberlobbyist der Agrarindustrie und Chefdirigent des Landwirt­schaftsministers Schmidt, der sein treuer Vasall ist.

 

Massentierhaltung drückt Preise und ruiniert Bauern

 

Zwar beklagen sie den weltweiten dramatischen Ein­bruch bei den Preisen für Fleisch und Milch mit katastrophalen Folgen für die Bauern, die letztes Jahr durchschnittlich 35% ihres Einkommens ver­loren haben und sich darauf gefasst machen müs­sen, dass es sich in den nächsten zwei Jahren hal­biert. Gerade die Einnahmen aus Tierhaltung und Milch­wirtschaft sind nicht kostendeckend. Folglich hat jeder 4. Tierhalter große finanzielle Probleme. Ein Aufwärtstrend ist nicht in Sicht, so dass sich das Höfesterben beschleunigen wird. Dieser so genann­te Strukturwandel raubt seit der Einführung der Tier­f­abriken vor mehr als 50 Jahren immer mehr klein­bäuerlichen Familien die Existenzgrundlage. Alleine zwischen 2003 und 2013 verschwand ein Drittel der Bauernhöfe, nun geht ihre Zahl noch rasanter ab­wärts. Beispiel Milchbauern: Seit vor einem Jahr die EU-weite Milchquote abgeschafft wurde, stockten vie­le Betriebe die Zahl ihrer Kühe gewaltig auf. Landwirtschaftsberater hatten sie zu hohen Investi­tio­nen angefeuert und damit in die Schuldenfalle ge­trieben. Viele andere geben auf. Durch das Überan­ge­bot auf dem europäischen, aber auch auf dem Weltmarkt sanken die Preise massiv. Nun pressen die Landwirte verzweifelt Höchstleistungen aus den überzüchteten Kühen, die diese Tortur nur wenige Jahre überleben.

Im Fleischsektor ist es nicht anders: In Deutsch­land und in der ganzen Welt entstehen fast ungehemmt neue Massen­tier­haltungen. Die Nachfrage hierzu­lande sinkt stetig, denn immer mehr Bürger wenden sich angewidert von Qualprodukten ab.

 

Politik reagiert: Noch mehr Billigproduktion - zur „Ernährung der Menschheit“

 

Dennoch liegt für Landwirtschaftsminister Schmidt die Lösung der Probleme in weiterer Billigproduktion für den Export: Er hat extra eine hoch dotierte Posi­tion für einen Tierarzt - „Chief Veterinary Officer“ - geschaffen, der ausschließlich für die Erschließung neuer Absatzmärkte in Drittländern zuständig ist. Neben Afrika und Asien hat die Regierung zurzeit Mexiko und Kolumbien im Visier.

Schmidt begründet seine Strategie damit, die wach­sende Weltbevölkerung ernähren zu müssen und ignoriert damit nicht nur fahrlässig den bereits über­sättigten Weltmarkt, sondern auch die Folgen für die armen Ländern: Es werden weitere Flächen für den Futtermittelanbau entzogen und lokale klein­bäu­erliche Landwirtschaftsstrukturen rücksichtslos durch die Flutung der lokalen Märkte mit Billigpro­dukten zerstört. Dafür gibt es bereits eine Fülle er­schütternder Beispiele.

 

Irrwitzige Todesspirale

 

Unter Missachtung der einfachsten Grundregeln des Marktes wird die irrwitzige Todesspirale fortgeführt!

In Deutschland liegen hunderte Anträge für den Bau oder die Erweiterung von Massentierhaltungsanla­gen vor, die nach geltendem Recht meistens ge­neh­migt werden müssen. So sind kürzlich bei Gü­strow (Schwerin) 200 000 Hühnermastplätze geneh­migt worden – ungeachtet der Folgen für Wasser, Wald, und einen nahen See, der mit seinem Umfeld unter Naturschutz steht. Im Kreis Wittenberg, bei Cos­wig, will der holländische Investor van Gennip seinen Bestand von 16 400 Schweinen auf 28 000 aufstocken. Er gehört, wie auch Straathoff, zu den fünf größten Schweinehaltern Europas – ein Indu­strie­boss, weit entfernt von bäuerlicher Landwirt­schaft! Auch er ein Holländer, der vor den strenge­ren Umweltauflagen in seiner Heimat nach Deutsch­land auswich. Giganten mit Macht und Geld! Sie kas­sieren Subventionen und produzie­ren Millionen von Schweinen abartig billig. Alleine 2015 wurden in Deutschland 59 Millionen Schweine geschlachtet, 500 000 mehr Tiere als im Jahr vor­her. Die EU zahlte, um die Preise durch Marktentla­stung zu stützen, Steuergelder für die Lagerung von 26 000 Tonnen Schweinefleisch!

S.auch:http://www.bund.net/themen_und_projekte/landwirtschaft/subventionen_umlenken/

 

 Die Lösung: regionale Bio-Landwirtschaft

 

Es gibt aber auch eine andere, erfreuliche Entwick­lung: Die deutschen Verbraucher zeigen ein stark ge­wachsenes Interesse an regionalen Bioprodukten aus artgerechter Haltung. Daher machen die Biohö­fe gute Gewinne, und die Nachfrage ist weit größer als das Angebot. Nach vielen Jahren der Stagnation trauen sich jetzt wieder mehr Landwirte, auf Öko-Landwirtschaft umzustellen.

Hier liegt die Lösung, hier müsste die Politik unterstützend eingreifen!

Es gäbe zahlreiche Möglichkeiten, diese Entwick­lung zu stärken: Zurzeit werden 80% der EU-Sub­ventionen über das „Gießkannenprinzip“ über eine Flächenprämie für jeden landwirtschaftlich genutz­ten Hektar gezahlt, egal, ob ein Investor mehr als 1000 ha mit Monokulturen, Gülle und Gift zugrunde richtet oder sich ein Bauer mit biologischem Gemü­se­bau plagt -  wovon natürlich besonders die rei­chen Agrarinvestoren profitieren. Vom Subventions­budget dürften ab 2018 15% laut EU-Regeln für ge­sellschaft­liche Leistungen wie Umweltschutz durch Bioanbau umverteilt werden. Das wäre im Sinne von 74% der Bevölkerung, wie eine Forsa-Umfrage (Mai 2012) zeigte. Zugleich müsste der Bau neuer indu­strieller Großställe gestoppt und Um­welt­schä­den über Steuern von den Verursachern ge­zahlt wer­­den (Fleischsteuer, Güllesteuer). Doch für unse­ren Landwirtschaftsminister kommt nichts davon in Frage. Stattdessen steht er nach eigenen Worten zu den Freihandelsplänen CETA und TTIP. Ihm wür­­de es reichen, wenn 70 bis 80% der europäi­schen Forderungen umgesetzt werden – er will also in Kauf nehmen, dass durch Freihandel der bäuerli­chen Landwirtschaft der letzte Todesstoß versetzt wird.

Schmidts „attraktives Land“ - ohne Agrarwende

 

Zur Demo „Wir haben es satt“ warnte Schmidt vor Erwartungen an eine Agrarwende, da die Weltbe­völkerung ohne intensive Landwirtschaft nicht er­nährt werden könne. In diesem Sinne beteiligte er sich am Gipfel der Agrarminister aus aller Welt, an der die Großen aus dem Agrarbusiness wie üblich den Ton an­gaben.

Was meinte er eigentlich, als er bei seinem Presse­rundgang an eine Tafel schrieb: „Wir wollen ein at­trak­tives Land“? Findet er wirklich Maismono­kultu­ren auf leblosen Böden attraktiv, durchsetzt mit rie­si­gen Tierfabriken, in denen zusammengepferchte Wesen ihr leidvolles Dasein fristen, in Elend, Krank­heit und Tod? Sind durch Gülle und Arzneien ver­seuch­tes Wasser oder die angeheizte Erdatmos­phäre, attraktiv?      


Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung e.V. schrieb Tier & Mensch e.V. ihm daher einen Offenen Brief - siehe unten!                                      

 

 

 

Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt zu Überproduktion, Preisdumping und  Exportförderung von Tierprodukten

Landwirtschaftsminister Schmidt erklärte auf der Grünen Woche in Berlin, dass er den Export besonders von landwirtschaftlichen Tierprodukten fördern will, um einen Beitrag gegen den Hunger in der Welt zu leisten. Dazu hat er extra eine neue Stelle für einen Tierarzt
("Chief Veterinary Officer" genannt) in seinem Ministerium geschaffen. Tier & Mensch e. V. und die Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung e.V. lehnen diese Strategie entschieden ab, da sie nur der Agrarindustrie dient, jedoch bäuerliche Existenzen sowohl in Deutschland als auch in armen Ländern zerstören wird.
Wir überreichten dem Landwirtschaftsminister folgenden Brief:

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