Im Kamin gefangen

 

Im Nachbardorf lebt ein Falkenpaar. Jahr für Jahr ziehen es im Giebel eines alten Kuhstalls ein bis drei Junge groß. Die Anwohner nehmen großen Anteil an ihrem Familienleben und helfen, wenn nötig. Letztes Jahr, zum Beispiel, war mein tierärztlicher Rat gefragt, weil eins der beiden gerade flügge gewordenen Jungtiere auf dem Boden saß und nicht mehr wegkam. Ich schlug vor, ihn zunächst mal erhöht hinzusetzen, damit er leichter abfliegen könnte. Die Nachbarn hoben ihn also auf und setzten ihn auf das niedrige Dach ihres Holzlagers. Es dauerte nicht lange, da kam das Elternpaar herbei geflogen und setzten sich zu ihrem Kind. Nach einer Weile flatterten die Alten zunächst auf der Stelle, dann ein paar Meter weiter auf die unteren Äste eines in der Nähe stehenden Kirschbaums – und wieder zurück. Alle beide bemühten sich sichtlich, dem Kleinen Mut zu machen, seine Flügel zu nutzen. Hatte der Fluganfänger sich vielleicht beim Fliegen wehgetan und traute sich jetzt nicht mehr? Es muss so gewesen sein, denn sie hatten schließlich Erfolg: Der junge Falke flatterte hinterher, erst auf den Kirschbaumast, dann immer noch einige Meter höher, schließlich auf das hohe Stalldach, von wo aus sich das Geschwisterchen das Treiben angesehen hatte.

Heute war wieder Hilfe angesagt: Im Schornstein eines Wohnzimmerkamins nicht weit vom Falkenhorst gab es morgens kratzende Geräusche. Dann war es still, offenbar hatte das hineingefallene Tier – bestimmt ein Vögelchen – den Weg wieder hinaus gefunden. Trotzdem leuchteten die Bewohner nach einiger Zeit  mit der Taschenlampe in die Schornsteinklappe. Große, runde Augen sahen zurück: Am Boden des Schlotes, zwanzig Zentimeter unter der Klappe, hockte ein junger Turmfalke!

Beim gestrigen Abendgewitter hatte die Falkenfamilie – dieses Jahr mit drei flüggen Jungen – Schutz unter dem Dächlein des Schornsteins gesucht. Doch wie war der Kleine nur hineingefallen?

Mit ruhigen Worten schob ich langsam erst meine Handschuh bewehrte rechte Hand durch die Klappe. Er hackte angstvoll nach mir und wurde unruhig. Vorsichtig schob ich meine linke Hand an seine rechte Körperseite und umfasste mit beiden Händen Flügel und Körper und zog ihn vorsichtig aus seiner Falle. Es war wichtig, darauf zu achten, dass bei der Bergung nicht zappelte oder flatterte, denn weder die Flügel- noch die Schwanzfedern durfte er verletzen, sonst wäre das Fliegen schwer beeinträchtigt worden.

Bei der anschließenden Untersuchung fand ich zu meiner Erleichterung keine Hinweise auf eine Verletzung, und während ich seine Beine hielt, flatterte er gleichmäßig und kraftvoll. Deshalb beschlossen wir, ihn so schnell wie möglich wieder in die Obhut seiner Familie zu geben. Vom Dachbodenfenster aus boten wir ihm die Freiheit an. Zunächst war er noch wie gelähmt vor Angst und rührte sich nicht aus meiner Hand. Doch dann flog er los, geradewegs in die Krone des Kirschbaums, wo er sich zunächst still umsah. Doch schon eine Minute später kamen zwei Falken, kurz darauf ein dritter, in den Baum geschwebt, und er begann zu rufen und bettelnd mit den Flügeln zu zittern. Er brauchte nicht mehr lange auf seinen ersten Happen zu warten, ein Elternteil versorgte ihn nach kurzer Zeit.

So macht das Tierarztleben richtig Spaß. Für alle Beteiligten war der Einsatz beglückend und in jeder Hinsicht befreiend!   Karin Ulich 07.07.12

 

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